Bebop

von ROLF MARTIN

Gegen Ende der dreißiger Jahre war aus dem Swing ein gigantisches Geschäft geworden. Das Wort "Swing“ wurde zum Erfolgsetikett für Waren jeglicher Art, die gut verkauft werden sollten: Nippsachen, Zigaretten, weibliche Kleidungsstücke... Die Musik, die dem allgemeinen kommerziellen Bedürfnis zu genügen hatte, erstarrte immer mehr in tausendmal gehörten und ständig wiederholten Klischees. Wenn es mit der Jazzmusik weitergehen sollte, musste etwas Neues, grundlegend anderes entstehen. 

Das Neue entstand Anfang der 1940er Jahre in Kansas City und vor allem in den kleinen unbekannten Musikerlokalen von New York, besonders im Minton's in Harlem. Man nannte den neuen Jazz-Stil Bebop, ein Wort, in dem sich lautmalerisch der damals beliebteste Intervallsprung spiegelt: die abwärts springende verminderte Quinte. Die Worte „Bebop“ oder „Rebop“ bilden sich fast von allein, wenn man solche Melodiesprünge singt, etwa so, wie sich die Worte la-la-la von allein bilden, wenn man die Melodien deutscher Volkslieder singt, ohne die Texte zu wissen. 

Die verminderte Quinte wurde zum beliebtesten Intervall des Bebop oder, wie man bald schon abgekürzt sagte, des Bop. Noch eben wäre ihre Verwendung als fehlerhaft oder jedenfalls als misstönend empfunden worden; allenfalls als Durchgangsakkord wäre sie möglich gewesen. Nun aber kennzeichnete sie einen ganzen Stil, wie sich überhaupt die harmonische Enge der älteren Jazzformen ständig weitete. Die „flatted fifth“ begann die Rolle einer Blue Note zu spielen wie die kleine Terz und Septime.

Die wichtigsten Musiker, die im Minton's zusammenkamen, waren allesamt Afro-Amerikaner: der Pianist Thelonius Monk, der Schlagzeuger Kenny Clarke, der Gitarrist Charlie Christian, der Trompeter Dizzy Gillespie und der aus Kansas City stammende Altsaxophonist Charlie Parker. Der letztere wurde die eigentlich geniale Persönlichkeit des modernen Jazz, wie Louis Armstrong das Genie des traditionellen Jazz ist. Während Charlie Parker die kleinen Combos liebte, sorgte der erfahrene Big-Band-Musiker Dizzy Gillespie für die Verbreitung des Bop in den Big Bands. 

Charakteristisch für die Tonbewegungen des Bebop sind rasende, nervöse Phrasen, die mitunter nur noch wie melodische Fetzen erscheinen. Jede unnötige Note wird fortgelassen. Alles wird auf das äußerste Maß zusammengepresst. Alles, so hat einmal ein Bop­Musiker gesagt, wird fortgelassen, was sich von selbst versteht. Viele dieser Phrasen werden darüber zu Chiffren für größere musikalische Abläufe. Sie sind das, was man in der Stenographie Kürzel nennt. Man muss sie hören, wie man Stenogramme liest: indem man aus wenigen hastigen Zeichen ordentliche Zusammenhänge schafft.

Unter dem Einfluß der avantgardistischen Bop-Klänge wurden viele Jazz-Freunde damals an der Entwicklung ihrer Musik irre. Sie orientierten sich mit umso größerer Entschiedenheit rückwärts an den Entstehungsformen des Jazz. Man wollte einfache Musik hören. Es gab eine New Orleans-Renaissance oder auch ein Dixieland-Revival, das über die ganze Welt ging.

Nach einem Artikel von J.E. Berendt