Ragtime

von ROLF MARTIN

Der Ragtime kann als Vorläufer des eigentlichen Jazz gewertet werden. Ragtime, wörtlich etwa: zerrissener Takt, ist eine komponierte Klaviermusik, die im mittleren Westen der USA gegen 1870 aufkam. Es fehlt ihr also ein Grundelement des Jazz: die Improvisation. Was die Melodieführung, die Harmonik und den formalen Aufbau angeht, ist der Ragtime eine typische „weiße“ Musik, die in der Tradition europäischer Polkas und Märsche steht, aber mit dem Temperament und der rhythmischen Intensität der Schwarzen zum Swingen gebracht wurde. Ragtimemusik zeichnet sich aus durch starke Synkopierung der Melodie im Gegensatz zum regelmäßigen Beat im Bass.

Die Ragtimes wurden meist von ihren Komponisten in die Walzen mechanischer Klaviere geschlagen und fanden, in Tausenden von Exemplaren vertrieben, gegen 1900 eine große Verbreitung in allen Musiketablissements und in den Lagern der Arbeiter, die kreuz und quer im Land die Eisenbahnlinien bauten. Von solchen Pianowalzen, die teils in Antiquitätenläden entdeckt wurden, hat man später Schallplatten gepresst. 

Der bedeutendste schwarze Ragtimekomponist war zweifellos Scott Joplin aus Sedalia, Missouri. Er schrieb mehr als 600 Rags, von denen auch heute noch welche gespielt werden, wie z.B. der Maple Leaf Rag und The Entertainer, der als Filmmusik im Film Der Clou weltberühmt wurde. Weitere schwarze Komponisten waren James Scott, ein Theaterorganist in Kansas City, Tom Turpin, ein Barbesitzer in St. Louis, Charles L. Johnson, Louis Chauvin ... Auch einige Weiße waren darunter und es ist auffällig, dass nicht einmal Fachleute in der Lage waren, einen Unterschied zwischen weißen und schwarzen Ragtime-Pianisten zu entdecken.

Einer der ersten Musiker, die sich von der kompositorischen Tradition der Rags lösten, war Jelly Roll Morton aus New Orleans, der damit den Ragtime in das überführte, was man später Jazz nannte. Jelly Roll Morton brachte den Ragtime nach Chicago und andere Pianisten wie Willie „The Lion“ Smith, James P. Johnson und der frühe Fats Waller hielten die Tradition des Ragtime im New York der 20er Jahre lebendig.