Konzertbericht

Nürtinger / Wendlinger Zeitung

Brasilianische Küche im Jazzclub

Ipanema Beach Hotel kocht mit fünf Sternen – Publikum hatte eine Brazilian Love Affair

Ipanema Beach Hotel - im Jazz-Club "Schloss Köngen" (27.10.2017)
Ipanema Beach Hotel brachte Brasilien ins Köngener Schloss. Foto: Horst Stange

So heiß geht es nicht immer in der altehrwürdigen Schlosskapelle Köngen zu, die seit 15 Jahren dem Jazzclub Köngen als Spielstätte dient. Das seit 20 Jahren bestehende Quintett Ipanema Beach Hotel sorgte mit ungewöhnlichen Klängen und brasilianischen Rhythmen für die nötige Hitze, auf der das Bossa-Samba- Modern-Jazz-Menü kochen konnte.

So ging es gleich mit einem ungewöhnlichen Perkussionssolo los, das mit Polyrhythmik und viel Klangfarbe Appetit machte auf das Kommende und zum Eingangsstück überleitete, dem Samba „Brasil“, allerdings im „Bossa“-Mantel. In neuerer Zeit hört man immer öfter die Bezeichnung „die“ Samba, was von der Herkunft sicher richtiger ist, aber für manchen ungewohnt – genauso, wie bei „der“ oder „die“ Butter kommt es eher darauf an, ob’s schmeckt.

Im nächsten, einer (lebenden) Ente zugeeigneten Stück konnte Perkussionist Jürgen Braun weitere Kabinettstückchen zeigen, neben einem perfekten Tamburinspiel hier speziell das Spielen der Cuica. Die Bezeichnung klingt schon nach Quietschen, und was der Spieler mit dem in ein Trommelfell eingelassenen Quietschestab vollführte, erinnerte sehr an eine Ente. Dass man zwischenzeitlich zwei Enten zu hören glaubte, lag an Martin Keller, der seinen Instrumenten (Klarinette, Saxofon, später Akkordeon) unter anderem auch tierische Töne entlocken konnte.

Dann kompletter Szenewechsel mit dem Stück für einen Marsmenschen, bei dem schwere Akkorde in einen Rumba-Rock münden. Hier bestach das Zusammenspiel des Saxofonisten mit der Sängerin, keiner Geringeren als der allseits bekannten Jeschi Paul. Dass die eine ganz „scharfe“ Frontfrau ist, weiß man nicht erst seit ihrer Zusammenarbeit mit „Pepper ’n’ Salt“. Sie kann einfach alles singen, in allen möglichen Sprachen – hier vorzugsweise Portugiesisch – und ist mit ihrem Scatgesang oft Teil des Ensembles. Nach einer anderen bekannten Frau war das nächste Stück benannt – Jazzmusiker haben bei ihren Instrumentaltiteln oft wegen des fehlenden Texts ein Betitelungsproblem –, nämlich Schneewittchen. Gitarrist und Bandleader Jörn Baehr führte aus, dass bei dieser Komposition aus den Reihen der Gruppe zum Teil das Akkordgerüst des John-Coltrane-Werkes „Giant steps“ Pate gestanden hat. Nach Unisono-Intro bildete ein schöner gleichmäßiger Bossa Nova die Grundlage für Martin Kellers Tenorsaxofonsolo, der nicht nur mit der Instrumentenwahl an den früh verstorbenen legendären Jazzmusiker erinnerte.

Dann wurde es ruhiger, aber nicht weniger intensiv mit dem Stück Carioso (Zärtlichkeit), bei dem wieder das Tenorsaxofon und natürlich die Stimme Jeschi Pauls für tiefgehende Momente sorgten. Und zwei Stücke vor der Pause wurde es immer farbiger: im Stück für einen kleinen schwarzen Jungen sorgten eine orientalisch anmutende Klarinette, Chorgesang der ganzen Band und ein hochperkussives Solo von Gitarre und Rhythmiker dafür; im „Schotti“ betitelten Tanz für alle dachte man bei Akkordeonklängen an einen osteuropäischen Sommerhit.

Das Publikum im Jazzclub hielt es nicht auf den Stühlen

Bei gutem Essen vergeht die Zeit wie im Flug, deshalb seien noch der fünfte Koch (Thorsten Meinhardt am Bass) und die weiteren Köstlichkeiten kurz erwähnt: Up-Tempo-Nummern und Balladeskes wechselten sich weiter ab, zum Teil auch im gleichen Stück, bei Jobins Ondas (Wellen) glaubte man diese fast zu hören, die Nähe zur afrikanischen Musik wurde deutlich und immer wieder trieb die Rhythmusgruppe zu tollen Soli an und einmal schier hin zu einem rhythmischen Inferno.

So wurde der Jazzclub Köngen zu einem „Magic place“, wo es nicht bei wippenden Füßen blieb, sondern – ob es das wohl schon einmal gab? – das ganze Auditorium nach kurzer Aufforderung stehend im südamerikanischen Rhythmus wippte und tanzte. Man sieht, es bedarf keiner Reise nach Rio zum Karneval, um ein „Brazilian Love Affair“ zu genießen, das Team vom Jazzclub Köngen und die Formation Ipanema Beach Hotel machen’s möglich.

Bilder vom Konzert

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