Konzertbericht

Nürtinger / Wendlinger Zeitung

Reminiszenzen an eine Jazz-Legende

Das Shaunette Hildabrand Trio zeichnet ein buntes Portrait von Anita O’Day in der Schlosskapelle

Shaunette Hildabrand Trio + One - Konzert im Jazzclub "Schloss Köngen" am 28.06.2019
Henning Gailing (kb), Shaunette Hildabrand (voc), Iris Oettinger (dr), Rolf Marx (git). Foto: Corinna Schmid

Wenn heute aus Anlass des 100. Geburtstages der Jubilar gewürdigt werden soll, so kann das in Form einer verbalen Ehrung oder einer musikalischen Darbietung geschehen. Beides ist der US-Amerikanischen Sängerin Shaunette Hildabrand bei glücklicherweise lauen Temperaturen in der Schlosskapelle mit ihrem Trio hervorragend gelungen, ergänzt durch die in der Region wohlbekannte Schlagzeugerin Iris Oettinger. Das Publikum bekam einen Einblick in das Leben von Anita O'Day, in die Höhepunkte und persönlichen Tiefschläge dieser legendären Sängerin und Überlebenskünstlerin, die im Alter von 87 Jahren verstarb.

Gleich im Eingangstitel "Honeysuckle Rose" projizierte Shaunette Hildabrand musikalische Kostproben und damit eine Vorausschau auf das folgende zweistündige Programm. Das Timbre ihrer Stimme entpuppte sich als angenehm und abgerundet, ihre Dynamik dezent ohne exzessive Kontraste und ihr Stimmumfang wandelte nie in extremen Höhen oder Tiefen. Gelegentlich ein Scat-Gesang in minutiöser Abstimmung und unisono mit der Gitarre. Auffällig ihre Mimik, stets im Einklang mit den gesungenen Texten und einem Blickkontakt, dem sich niemand entziehen konnte. Sie nahm das Publikum einfach mit. Eine starke Bühnenpräsenz durch und durch.

In der Ballade "A Nightingale Sang In Berkley Square" offenbarte sie ihr ganzes Können durch eine sehr romantische und gefühlvolle Interpretation dieses Titels. Ein echter Genuss auch die deutlich verständlichen Texte einer Muttersprachlerin mitzuverfolgen und wirken zu lassen. Die Inwertsetzung ihrer gesanglichen Kunst erfuhr noch eine Stärkung durch ihre musikalischen Begleiter, alles Hochkaräter an ihren Instrumenten.

Rolf Marx an der Gitarre zeigte sehr schnell, welche Klasse in ihm steckt. Sein rhythmischer Background, den er für die anderen Mitstreiter legte, war nicht überfrachtet und die meist präsentierten Teilakkorde oder gebrochenen Akkorde fügten sich harmonisch in das Gesamtgerüst ein. Sehr feinfühlig seine Begleitung mit einem einzigartigen "Jazz-Feeling". In der Improvisation wechselte er blitzschnell von glasklar gespielten Einzeltönen zu akkordisch angelegten Passagen.

Am Kontrabass stand Henning Gailing in nichts nach. Bei einzelnen Titeln kurz gestrichen, zumeist aber gezupft, verlangte er seinem ihm anvertrauten Instrument alles ab. Beeindruckend sein regelmäßiger Rollentausch vom klassischen Rhythmusinstrument auf ein Melodieinstrument. Wieselflink glitten seine beiden Hände über die Saiten und bearbeiteten diese stellenweise synchron.

Die beiden Meister an den Saiten liefen zur Höchstform in Instrumentaltiteln wie "Bésame Mucho", "It Might As Well Be Spring" oder "Laverne Walk" auf, in denen sie sich prächtig ergänzten und ihr gegenseitiges Einfühlungsvermögen zum Ausdruck brachten.

Die Schlagzeugerin Iris Oettinger fügte sich in das schon länger bestehende Trio nahtlos ein und man verspürte sofort, dass die Chemie zwischen den Musikern einfach stimmte. Dezent legte sie mit den Jazzbesen Rhythmusteppiche an der Snare, bediente sehr gefühlvoll die High-Hat und brachte auch vereinzelt die Becken zum Klingen. In den Titeln "Just One Of Those Things" und "S'Wonderful" hatte sie die Freiräume sich kurz in den Vordergrund zu spielen und tat das mit angestammter Routine.

Die Zugabe "I Can't Give You Anything But Love" rundete einen wundervollen Konzertabend ab, der nicht unbedingt gekennzeichnet war durch tosenden Beifall oder laut röhrende Musiker, sondern durch eine gefällige und bekömmliche Interaktion zwischen Publikum und Band.

 

Bilder vom Konzert

 

 

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