Konzertbericht

Eine Jazz-Legende mit betörendem Sound

Die Musiker um Olaf Polziehn mit Scott Hamilton zogen alle Register ihres Könnens im Köngener Schloss. Das „German Songbook“ in großartigem Jazz-Format neu aufgelegt und wiedergegeben.

Olaf Polziehn Trio feat. Scott Hamilton im Jazz-Club Köngen, 21.11.2025
Scott Hamilton in harmonischer Interaktion mit seinen Mitstreitern. Foto: Peter Wäschle

Wenn man vor einiger Zeit gefragt hätte, ob ein Titel von Udo Jürgens in die Konzertreihe „Jazz im Schloss“ passen würde, so hätte das jeder verneint. Mit der Verpflichtung des Olaf Polziehn Trios feat. Scott Hamilton begab sich der Köngener Jazz-Club jedoch auf neue und innovative Pfade. Das Ergebnis konnte das Publikum in der mehr als ausverkauften Schlosskapelle hautnah erleben. Deutsches Liedgut diente als Grundlage für einen herrlichen Konzertabend in großartigem Jazz-Format. Titel von Kurt Weill, Peter Kreuder, Günter Noris oder Gerhard Winkler zogen die Zuhörer in ihren Bann.

Olaf Polziehn und seine Musiker brachten einige dieser ikonischen Kompositionen aus dem „German Songbook“ zum Klingen: Balladenhafte Titel wie „Lass mich bei dir sein“ oder „Bei Dir war es immer so schön“, das in spritzigem Dreivierteltakt präsentierte „Rote Rosen“, das im Bossa Nova-Stil auftrumpfende „Speak Low“ oder „L-O-V-E“ in flottem Swing interpretiert, wurden alle meisterhaft in ein völlig neues musikalisches Gewand gesteckt. Die von Bandleader Olaf Polziehn filigran arrangierten Titel ermöglichten jedoch nicht immer einen sofortigen Zugang oder ein Erkennen des jeweiliges Stückes, da das jazzmäßige Umspielen der bekannten Melodien in meist gebundener Improvisation die Zuhörer vor Herausforderungen stellte, ohne dass sich die Akteure in weit ausschweifenden Soli verloren.

Die wunderschöne Ballade „Glaube mir“ ließ der Bandleader am Piano in einem Intro sehr empathisch angehen, bevor seine Mitstreiter langsam einsetzten. Hier brauchte Scott Hamilton am Tenorsaxofon nicht lange zu beweisen, dass er – mittlerweile zur Jazz-Legende geworden – weltweit zu den bedeutendsten Saxofonisten des Mainstream Jazz gehört. Welch ein Genuss, die seinem Instrument entweichenden Töne aufzunehmen, die irgendwo zwischen schwebender Leichtigkeit und betörender Tiefe anzusiedeln sind, in lupenreiner Intonation dargeboten und einem gelegentlichen Vibrato, das jeden Saxofon-Fan zum Erstaunen bringt. In „I Never Sing Another Song“ mit einer anspruchsvollen Akkordprogression hält er sich meist eng an die Originalmelodie, lässt aber auch in kurzen Skalen sein ganzes Können aufblitzen. Ein Musiker, der die Programmtitel nicht nur feinfühlig spielt, sondern vor allem lebt.

Olaf Polziehn am Piano ist das Sinnbild für eine außergewöhnliche, gefühlvolle sowie versierte Begleitung und legt dadurch harmonische und gut verwebte Klangteppiche. Mit leichter und sauberer Anschlagtechnik gibt er dem musikalischen Gesamtgeschehen entscheidende Impulse. In Bert Kaempferts L-O-V-E fällt er auch durch knallharte „Voicings“ in der linken Hand auf und zeigt ekstatische Züge in seiner Spielweise. Ein Pianist, der in seinen Soli durch perlenartige Einzeltöne, gelegentlich wuchtige Akkorde oder auch voluminöse Oktaven immer für Begeisterung sorgt.

Die beiden Rhythmiker John Goldsby am Kontrabass und Paul Höchstädter am Schlagzeug waren Garant für die insgesamt geschmeidige Interaktion innerhalb des Quartetts. In allen Lagen zeigte John Goldsby eine souveräne Leistung und ließ sich nicht abbringen, gelegentlich neben seiner rhythmischen Aufgabe auch die Melodie zu übernehmen oder anzudeuten. Genauso professionell agierte Paul Höchstädter am Schlagzeug und passte sein Handwerkszeug in Form von Stöcken oder Besen den jeweiligen Stücken an. In blitzsauber geschlagenen Überleitungen sorgte er für Klarheit bei den Mitspielern.

Nach lautstarkem Applaus setzte die Band – nur von Piano und Saxofon vorgetragen – einen wunderbaren Schlusspunkt mit dem durch die Comedian Harmonists bekannt gewordenen Lied „Irgendwo auf der Welt“, mit eingängiger Melodie, aber auch Potential für Nachdenklichkeit.


Bilder vom Konzert